Alles wird anders – damit alles so bleiben kann, wie es ist. So lässt sich vielleicht die Stoßrichtung von Ina Brandes als neue Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW beschreiben, die das Thema Nachhaltigkeit in den Fokus ihrer Politik stellen und dafür auch einiges neu strukturieren will. Schon zu Anfang des Interviews im Düsseldorfer Kulturministerium wird klar, dass Energiekrise, Inflation, explodierende Baukosten und Ukraine-Krieg einen gewissen Handlungsdruck in der Kulturpolitik erzeugen. Ist die Vielfalt der Kulturlandschaft angesichts dessen noch zu halten? Welche Innovationen sind ihr wichtig? Ein Gespräch über Mindesthonorare für Künstler, Kultur als Staatsziel und den BVB.
kultur.west: Frau Brandes, wer Ihnen in den vergangenen Monaten in den sozialen Medien gefolgt ist, hat gesehen: Sie waren seit Ihrem Amtsantritt viel unterwegs. Was ist Ihr Eindruck vom Kulturland NRW?
BRANDES:Es ist so vielseitig, wie man sich das überhaupt nur vorstellen kann. Schon wegen der schieren räumlichen Größe und der regionalen Vielfalt. Dazu kommt, dass unsere Kulturlandschaft anders ist als in anderen Ländern viel stärker regional diversifiziert und darauf ausgerichtet ist, in die Breite und in die Fläche zu wirken. Das habe ich sehr schnell zu schätzen gelernt. Die Kultur funktioniert in NRW anders – und ich glaube, sie funktioniert besser.
kultur.west: Warum?
BRANDES: Hier kommt die Kultur in die Regionen und aus den Regionen. Nehmen Sie nur mal die vier Landestheater in Neuss, Dinslaken, Castrop-Rauxel und Detmold: Jedes einzelne erfüllt den Anspruch, ein eigenes Profil, eine eigene Art zu haben und mit dem Publikum zu arbeiten. Das finde ich wirklich stark.
kultur.west: Sie haben viele Jahre als Managerin in der Wirtschaft gearbeitet. Was bringen Sie mit in die Kultur?
BRANDES: Struktur. Ich habe einen anderen Blick, wenn ich auf Einrichtungen schaue. Als Ministerin sitze ich automatisch in etlichen Aufsichtsräten, Beiräten und Kuratorien. Ich weiß, wie man eine Gewinn- und Verlustrechnung und eine Bilanz liest, und ich kann auseinanderhalten, was wirtschaftlich grundsätzlich funktionieren kann und was nicht. Das erleichtert mir die Arbeit sehr. Dass in den Gremien oft mehr über Geld und Strukturen geredet wird als über Kunst, finde ich kein gesundes Verhältnis. Ich wünsche mir, dass Künstlerinnen und Künstler mehr Zeit haben, über Inhalte zu sprechen.
kultur.west: Welche Aufgaben sehen Sie für sich?
BRANDES: Rahmen zu setzen. Wir verstehen uns hier als ein Ministerium, das Dinge möglich macht und inhaltlich so viel Freiraum wie möglich lässt. Das halte ich für die richtige Arbeitsteilung zwischen der Kulturszene in ihrer ganzen Vielfalt und uns als Ministerium. Wir unterstützen, bringen auf den Weg, stoßen Innovationen an.
kultur.west: Welche konkret?
BRANDES: Es gab in meinen ersten Wochen eine Reihe dieser Gremiensitzungen, und ich habe schnell festgestellt, dass ich sehr oft mit sehr ähnlichen Themen konfrontiert wurde: Gebäude, die energetisch in mehr oder weniger schwierigem Zustand sind. Viele haben Probleme, Mitarbeiter zu finden und zu halten. Viele haben Probleme mit Themen wie Diversität, Führung, Inklusion und Barrierefreiheit. Aber niemand leitet ein Theater oder ein Museum, weil sie oder er immer schon mal ein Haus sanieren oder eine Wärmepumpe installieren lassen wollte. Für all diese mehr oder minder kunstfernen Aufgaben wollen wir künftig eine Beratungsstruktur schaffen. Kulturschaffende müssen irgendwo anrufen und technische Unterstützung und praktischen Rat bekommen können. Wir sprechen gerade mit Verbänden und regionalen Akteurinnen und Akteuren, um das bestmöglich zu organisieren. Ich will ja nichts kaputt machen, was es schon gibt, angenommen wird und funktioniert. Ich möchte, dass es flächendeckender bekannt und akzeptiert ist und fachlich vieles abdeckt. Das neue Online-Portal »kultur-klima«, das wir mit den Landschaftsverbänden initiiert haben, ist ein erstes Ergebnis.
kultur.west: Der Bund stellt eine Milliarde Euro für einen Kulturfonds Energie bereit, Sie stocken diese Hilfen in NRW nochmal auf. Aber was passiert, wenn diese Energiekrise noch viele Jahre dauert?
BRANDES: Das ist die Frage, die wir uns alle stellen. Unser gesamtes System – nicht nur in der Kultur – war darauf ausgelegt, dass Energie billig ist. In der aktuellen Situation kann der Staat zwar kurzfristig helfen, aber natürlich kann er nicht dauerhaft die Energiekosten subventionieren. Deshalb müssen wir an die eigentlichen Probleme ran. Zu denen gehört, dass viele Museen, Theater und andere Kulturbauten faktisch aus dem Dach und aus dem Fenster heraus heizen. Also werden wir in größerem Umfang Mittel für energetische Bauaktivitäten in die Hand nehmen. Die Energiepreise werden ja nicht auf das Niveau der vergangenen Jahre sinken. Deshalb müssen wir jetzt die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass wir uns die wertvolle Kulturlandschaft in NRW auch in Zukunft leisten können.
kultur.west: Ist diese kulturelle Vielfalt angesichts von Energiekrise, Kriegsfolgen und der Wende zur Klimaneutralität wirklich auf Dauer zu halten?
BRANDES: Das muss jedenfalls unser Anspruch sein, und dafür trete ich politisch an. Ich finde, dass wir schon im Zuge von Corona näher zusammengerückt sind. Da haben sich Kooperationen ergeben, die es vorher nicht gab. Es ist wichtig, dass wir diese Verbindungen pflegen und die bestehende Infrastruktur besser nutzen. Das ist Nachhaltigkeit im besten Sinne. Ein zweiter Punkt ist, dass beispielsweise viele tolle Inszenierungen in der freien Szene nur zwei- oder dreimal gezeigt werden. Dann verschwinden sie und es kommt etwas Neues. Hier können wir mit unseren Ressourcen nachhaltiger umgehen.
kultur.west: Es gibt heute in NRW sehr viel mehr Musik- und Theaterspielstätten, Museen und Soziokulturelle Zentren als vor 50 Jahren. Soll dieses Wachstum aus Ihrer Sicht weitergehen oder werden wir auch in der Kultur – Stichwort Nachhaltigkeit – künftig vor allem eher pflegen müssen, was schon existiert und das zugehörige Personal endlich angemessen bezahlen?
BRANDES:Wir haben in diesem Land sehr viele Gebäude, die wir zuerst in einen energetisch vertretbaren Zustand bringen und dann besser nutzen müssen. Jenseits dessen sollten wir uns in der Kulturpolitik daran gewöhnen, zunächst das sauber auszufinanzieren, was wir bereits haben. Das ist anspruchsvoll genug: Wir haben mit stark steigenden Personalkosten zu tun, durch Tarifverträge wie durch die Mindesthonorare für Künstlerinnen und Künstler, die uns ja besonders wichtig sind. Dadurch wird bereits das bestehende Kulturangebot teurer. Dazu kommen höhere Transportkosten wegen der Energiepreise. Wir sollten zuerst erhalten und finanzieren, was da ist. Und danach sehen wir, was wir darüber hinaus tun können.
kultur.west: Stichwort Bauen – beim Skulpturenmuseum Marl hat der Stadtrat wegen einer Kostensteigerung von 10 Millionen Euro die Reißleine gezogen. Das Pina Bausch Zentrum in Wuppertal und der Erinnerungsort Stalag326 in Holte-Stukenbrock sind seit Jahren mit jeweils 60 Millionen Euro beschlossen, bisher aber nicht mal grob geplant. Für das Fotoinstitut in Düsseldorf stehen seit 2019 83 Millionen Euro zur Verfügung, zwei Jahre später hat eine Machbarkeitsstudie bereits 125 Millionen veranschlagt. Ist das angesichts der von Ihnen beschriebenen Notwendigkeiten alles noch machbar?
BRANDES: Energischer Widerspruch, was das Fotoinstitut angeht. Sie haben vorhin gefragt, was ich aus meiner Biografie mitbringe, und die Antwort lautet: Ich verstehe was vom Bauen und davon, wie öffentliche Haushalte funktionieren. In der Vergangenheit hat man sich für Projekte immer ein grobes Konzept überlegt und auf dieser Grundlage irgendwann eine Summe im Haushalt genehmigt. Erst danach wurde wirklich geplant, um noch viel später zu bauen, bis man – huch! – feststellt: Eine Kostenkalkulation mit Baupreisen von vor zehn Jahren stimmt ja gar nicht mehr. Mein Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass wir Projekte von Anfang an besser planen. Es gibt einen Prozess, der sich »Design to Budget« nennt, und in diesem Fall bedeutet: Wir haben einen Preisrahmen von 80 Millionen Euro vorgegeben bekommen, also geben wir auch nur 80 Millionen Euro aus – und nicht 120 Millionen. Wir können dieses Fotoinstitut so planen, dass wir mit dem Geld hinkommen, das wir haben. Das gilt analog für ein Vorhaben wie Stalag326. Dafür gibt es einen Betrag und für den wird es gebaut. Man muss dann eben die Erwartungen an das vorhandene Geld anpassen. Das finde ich keinen abwegigen Gedanken – eher, dass man das überhaupt sagen muss. Ein privater Bauherr käme nicht auf die Idee, ein Haus für 600.000 Euro zu bauen, wenn er nur 300.000 Euro hat.
kultur.west: Was den Kulturbereich aktuell auch beschäftigt, ist das Publikum. Wie kriegt man die Menschen nach der Pandemie zurück in Theater, Konzertsäle und Museen?
BRANDES: Durch Hilfe zur Selbsthilfe. In vielen größeren Häusern ist das Publikum ja wieder da, mitunter in größerem Umfang, als alle Beteiligten noch vor sechs Monaten erwartet haben. Und es gibt Bereiche, wo das anders ist. Dort müssen wir kreative Ideen entwickeln, wie wir das Publikum zurückholen und neue Zuschauer hinzugewinnen. Diesen Weg des »Audience Development« wollen wir finanziell unterstützen, das wird bei der Kulturkonferenz am 22. März mein Angebot sein. Im März werde ich den Ministerpräsidenten in New York bei einem Auftritt des Concerto Köln in der Carnegie Hall vertreten. Diese Gelegenheit werden wir mit einer Delegation aus Parlamentariern und Vertretern von nordrhein-westfälischen Museen nutzen und Einrichtungen besuchen, die mit sogenannten Outreach-Projekten erfolgreich sind. Also mit Projekten außerhalb der eigenen vier Wände. Das reicht vom Metropolitan Museum bis zu lokalen Initiativen außerhalb der Stadt. Davon verspreche ich mir substanzielle Anregungen für unsere Häuser in NRW.
kultur.west: Kommen wir zu etwas Grundsätzlichem: In Berlin mehren sich wieder die Stimmen, Kultur als Staatsziel im Grundgesetz zu verankern. Unterstützen Sie diesen Vorstoß und was könnte das bringen?
BRANDES: Kultur ist aus meiner Sicht sowohl eine Grundlage, als auch eine Konsequenz zivilisierten Zusammenlebens. Das ins Grundgesetz zu schreiben, klingt für mich erstmal nachvollziehbar. Tatsächlich geht es beim Staatsziel aber darum, wer wofür zuständig ist und vor allem, welche Rolle der Bund in der Kulturförderung spielt. Es gibt aus meiner Sicht drei Möglichkeiten, das aufzulösen. Erstens könnte man sich über alle staatlichen Ebenen hinweg einigen, dass man ein Staatsziel ins Grundgesetz schreibt, damit es endlich auch eine verfassungsrechtliche Basis für eine Kulturstaatsministerin im Bundeskanzleramt und eine im Auswärtigen Amt gibt. Dann machen zwar alle so weiter wie bisher, aber es steht schwarz auf weiß im Grundgesetz. Zweitens kann man einfach alles lassen, wie es. Oder drittens: Wir machen einmal die Grundsatzdiskussion darüber auf, was genau die jeweiligen Aufgaben von Bund, Ländern und Kommunen sein sollen und wie das auskömmlich finanziert wird. Rein ordnungspolitisch wäre die dritte Variante aus meiner Sicht die beste. Ich bin mir nur nicht sicher, ob wir alle die Zeit, die Kraft und am Ende auch die Reformfähigkeit haben, dass dabei etwas Brauchbares herauskommt.
kultur.west: Ebenfalls zwischen Bund und Ländern diskutiert wird seit der Pandemie das Thema Mindesthonorare für Künstler*innen in öffentlich geförderten Projekten. NRW hat das seit Ende 2021 als gesetzliche Verpflichtung im Kulturgesetzbuch stehen, und Sie wollen es in diesem Jahr umsetzen. Wie genau
BRANDES: Zum Thema »faire Vergütung« wurde eine Kommission eingesetzt, die sich aus Vertreterinnen und Vertretern der Länder NRW und Bremen, der kommunalen Spitzenverbände, der Wissenschaft, des Deutschen Kulturrates und der Künstlersozialkasse zusammensetzt und die sich mit der Frage befasst, wie die Höhe eines angemessenen Honorars ermittelt werden kann. Dazu hat die Kommission im Austausch mit Bundes- und Arbeitgeberverbänden eine Honorar-Matrix entworfen. Sie stellt eine Berechnungsstruktur dar, nach der sparten- und tätigkeitsspezifische Basishonorare ermittelt werden. Zurzeit werden Gespräche mit Verbänden, Kommunen und Veranstaltern geführt, damit fair bezahlt wird und gleichzeitig ein vielfältiges, reiches Kulturangebot erhalten bleibt. Unsere Förderungen koppeln wir daran, dass in allen Projekten mit Landesmitteln auch Mindesthonorare gezahlt werden. Für eine kurze Übergangszeit wird das noch nicht verpflichtend sein, weil insbesondere die Kommunen Gelegenheit haben müssen, sich damit auseinanderzusetzen und anzupassen. Ab 2024 sollen die Mindesthonorare verbindlich gelten.
kultur.west: Angesichts der aktuellen Krisen steht ja auch die Idee im Raum, so wie in der Pandemie nochmal Stipendienprogramme für Künstler*innen aufzulegen. Wie stehen Sie dazu?
BRANDES: Als zuletzt die Energiehilfen für die Kultur entwickelt wurden, haben wir mit dem Bund sehr intensiv diskutiert, ob so etwas möglich ist. Dabei war nicht nur aus dem Bundesfinanzministerium klar zu vernehmen, dass sich diese Nothilfen nicht an Einzelpersonen richten. Unsere Aufgabe muss die schon besprochene solide Ausfinanzierung unserer Aufgaben und Projekte, etwa Bauthemen, Projekte der Kulturellen Bildung und der »Audience Development« sein. Ich bin durchaus bereit, auf der erwähnten Kulturkonferenz Ende März mit allen Beteiligten darüber zu reden, welche Prioritäten sie gerne hätten. Klar ist aber: Wir können das Geld nur einmal ausgeben, und diese Hilfen müssen auch irgendwann ein Ende haben. Wir können nicht noch fünf Jahre im Krisenmodus bleiben – das kann niemand bezahlen und das ist auch strukturell ungesund.
kultur.west: Viel diskutiert wurde über das Deutsche Fotoinstitut, das jetzt nach Düsseldorf kommt. Wie kann man diese Angelegenheit zu einem Ende führen, bei dem auch der leer ausgegangene Standort Essen glücklich wird?
BRANDES: Wir haben eine Gründungskommission ins Leben gerufen, in der Vertreter aus der Szene aus ganz Deutschland vertreten sind – auch aus Essen. Die werden sich gemeinsam Gedanken über die inhaltliche Ausgestaltung machen. Wir werden eine wissenschaftliche Einrichtung aus Institut und Archiv bekommen. Wir bauen kein Museum und keinen einzigen Quadratmeter Ausstellungsfläche. Erstens haben wir genug Ausstellungsraum im Land, zweitens ist mir sehr an einer guten Kooperation mit den Museen in NRW gelegen. Deswegen werden auch namhafte Museumsvertreter in dieser Kommission sitzen.
kultur.west: Bei den Essener Bemühungen um das Fotoinstitut hat ja auch immer eine Rolle gespielt, die Zeche Zollverein attraktiver zu machen. Tritt das jetzt in den Hintergrund?
BRANDES: Wir müssen unsere Stätten der Industriekultur insgesamt attraktiver machen. Dazu gehört auch Zollverein. Dafür werden wir auch Geld für Neues ausgeben. In diesem Rahmen hat auch Zollverein – wo das Ruhr Museum im Übrigen hervorragend läuft – eine weitere Aufwertung verdient. Und die wird das Weltkulturerbe bekommen. Das gilt aber völlig losgelöst von der Standortfrage des Fotoinstituts.
kultur.west: Sie sind ja selbst im Ruhrgebiet geboren, in Dortmund, und nach einer langen Zeit in Niedersachsen 2021 wieder zurückgekehrt. Sind Sie immer noch ein Revierkind?
BRANDES: Was die Atmosphäre, den Umgang miteinander und die Tonlage angeht, fühle ich mich in Dortmund schon sehr wohl. Ich mag es, wenn nicht lange um den heißen Brei geredet wird, und man schnell auf den Punkt kommt. Ich habe auch meinen Wahlkreis in Dortmund, wohne aber in Düsseldorf, denn es ist einfach praktischer, nicht jeden Tag aus dem Ruhrgebiet ins Rheinland zu pendeln und wieder zurück.
kultur.west: Wird der BVB Deutscher Meister?
BRANDES: Sieht ganz gut aus, oder?
kultur.west: Und wie traurig wären Sie, wenn Schalke gleichzeitig absteigt?
BRANDES: Das würde ich schon doof finden. Aber das geht wohl vielen BVB-Fans so, weil wir gerne das Revierderby sehen.
kultur.west: Woher kommt Ihre Liebe zum Fußball?
BRANDES: Die war immer da. Mein Vater hat mich schon als Kind ins Stadion mitgenommen.
kultur.west: Und Ihre Liebe zur klassischen Musik?
BRANDES: Auch durch meine Eltern. Die haben mich schon in frühester Kindheit mitgenommen in Kulturveranstaltungen und natürlich auch meinen Geschmack geprägt. Es gibt Sachen, die ich damals ertragen musste und bis heute nur schwer ertragen kann.
kultur.west: Und zwar?
BRANDES: Ich war mit acht Jahren in Faust, Teil eins und zwei. Das war einfach nicht okay, davon hat sich unser Verhältnis nie erholt (lacht). Gleichzeitig gibt’s Sachen, die ewig geblieben sind, vor allem Oper. Da haben meine Eltern es aber auch besser angefangen: Anfangs Zauberflöte, Rigoletto und Don Giovanni, also die Einsteiger-Werke, und erst später Wagner. Deswegen gehe ich heute so gern in die Oper.
kultur.west: Sie spielen auch selbst Klavier, haben eine große Leidenschaft für Orgelmusik und sich mal mit Kreativem Schreiben befasst. Welche Kunst würde Sie gerne wirklich beherrschen?
BRANDES: Ich würde gern singen können… sehr gerne. Aber ich weiß seit meinen Kinderchor-Erfahrungen, dass ich das nicht kann. Deswegen gab’s für mich die klassische Karriere: Blockflöte, Altflöte, Klavier. War auch besser so, für alle Beteiligten.
kultur.west: Sie sind als Fachfremde ins Kulturressort gekommen, das hat erstmal Skepsis ausgelöst. Wie sind Sie damit umgegangen und haben sich die Reaktionen verändert?
BRANDES: Ich bin damit gar nicht umgegangen. Das liegt vielleicht daran, dass ich als Frau und Nicht-Technikerin mit 33 Jahren Geschäftsführerin eines technischen Unternehmens geworden bin und alles, was mit dem Tenor »ungeeignet für den Posten« gesagt werden konnte, ist damals über mich gesagt worden. Mir war klar, dass ich mit guter Arbeit überzeugen muss. Und nach einigen Wochen kamen die ersten und sagten: ‚Das hast Du gar nicht so schlecht gemacht.‘ Für einen Westfalen ist das ja schon ein großes Lob.
kultur.west: Was halten Sie eigentlich von der Frauenquote?
BRANDES: Vor drei Jahren hätte ich gesagt: absolut nichts. Hauptsächlich mit der Begründung, dass man an der falschen Stelle anfängt, also oben. Denn was ich vom Alter her unten, also beim weiblichen Nachwuchs, nicht gefördert habe, das wird nicht in der ausreichenden Qualität und Anzahl oben ankommen. Aber meine Haltung hat sich ein bisschen geändert, seit ich selbst in der Politik bin. Ich habe verstanden, dass uns wahrscheinlich die gesellschaftliche Kraft fehlt, es einmal an der Basis fundamental in Ordnung zu bringen. Und wenn wir das nicht hinkriegen, brauchen wir eine Quote, um von oben nach unten zu erreichen, dass überhaupt etwas passiert. Außerdem kann die Anwesenheit weiblicher Vorbilder sicher hilfreich sein.

Zur Person
Ina Brandes kam 1977 in Dortmund zur Welt, studierte Politikwissenschaften, Geschichte und Englische Philologie in Göttingen und Rom und betreute als Referentin in der CDU-Fraktion im Niedersächsischen Landtag die Enquête-Kommission »Demografischer Wandel«. Ab 2006 arbeitete sie für den schwedischen Planungskonzern Sweco, von 2011 bis 2020 als Sprecherin der Geschäftsführung, ehe sie Ministerpräsident Hendrik Wüst in die Politik holte: Von Oktober 2021 bis Juni 2022 folgte sie ihm ins Amt als Verkehrsministerin und wurde im Sommer 2022 Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW.