»Schein und Sein«: Das Theatertreffen im Rahmen der 46. Akzente bringt vom 15. März bis 4. April interessante Inszenierungen ins Theater Duisburg – etwa »König Lear« aus dem Hamburger Thalia Theater.
Vielleicht liegt es in der Natur des Menschen, dass er sich lieber täuschen lässt, als der Wahrheit ins Auge zu blicken. Sollte mal niemand da sein, der ihn hinters Licht führt, dann erliegt er auch gerne der Selbsttäuschung. Diese zerstörerischen Neigungen des Menschen beschäftigen Künstler*innen schon seit der Antike, seit Sophokles‘ »König Ödipus« in sich den Mörder seines Vorgängers erkennen musste. In unserer heutigen Zeit, die von digitalen Techniken und einem Strom von (Falsch-)Nachrichten bestimmt wird, geht von dem Willen zur Täuschung allerdings eine noch größere Gefahr als früher aus. Eine Gefahr, mit der sich die 46. Duisburger Akzente und das in ihrem Rahmen stattfindende Theatertreffen beschäftigen.
Unter der Überschrift »Schein und Sein« versammelt das Festival Arbeiten, die von Lügen erzählen. Einer der berühmtesten Verblendeten der Literatur- und Theatergeschichte ist Shakespeares »König Lear«, der sich nicht nur von den Schmeicheleien seiner Töchter Goneril und Regan täuschen lässt. Zudem glaubt er, dass sich durch die Aufteilung seines Reichs nichts verändert. Er gibt die Macht an die nächste Generation ab und will sie doch in seinen Händen behalten. Täuschung und Selbsttäuschung erzeugen in der Tragödie einen Sturm, in dem nicht nur Lear und seine Familie, sondern auch das Land selbst untergehen.
Der König als alternder Popstar
In Jan Bosses am Hamburger Thalia Theater entstandener Inszenierung von »König Lear«, die am 15. und 16. März als Gastspiel in Duisburg zu sehen ist, legt Wolfram Koch im glitzernden Paillettenkostüm den Herrscher als alternden Popstar an. Die Verkündung, dass er sein Reich aufteilen will, soll sein letzter großer Auftritt sein. Doch gleich, als er die Bühne betritt, gerät er ins Stolpern. Stéphane Laimés von einer halbierten Diskokugel dominiertes Bühnenbild und Kathrin Plaths schillernde Kostüme betonen eine Welt der schönen Lügen und rücken Lears Niedergang an unsere Zeit heran. Kochs Lear gibt sich als aufgeklärt und der Zukunft zugewandt. Doch in Wahrheit ist sein Versuch, das Reich in die Hand dreier Frauen zu geben, nichts als ein Schachzug, mit dem er seinen Einfluss wahren will.
Selbst in Jan Bosses »König Lear« mischt sich Komödiantisches in die düstere Tragödie und verweist auf einen komischen Kern, der jeder Täuschung innewohnt. Eben diesem mal grotesken, mal eher heiter-melancholischen Kern widmen sich zwei Gastspiele vom Staatsschauspiel Dresden. Rafael Sanchez‘ derbe und recht freie Bearbeitung von Carlo Goldonis »Diener zweier Herren« (26. & 27.März) setzt auf Klamauk und Überzeichnung. Die Geschichte Truffaldinos, der aus Not bei zwei Herren Stellungen annimmt, wird zum Spiegel all der Verrenkungen, die eine kapitalistische Ordnung den Menschen abfordert. Einen zurückhaltenderen Ton schlägt Mina Salehpour in ihrer Inszenierung von Duncan Macmillans Monolog »All das Schöne« (2. & 3. April) an. Jannik Hinsch spielt einen Mann, der mittels einer schier endlosen Liste etwas Ordnung in das Chaos des Lebens bringen will.
Neben den Gastspielen gehören auch eigene Produktionen des Duisburger Theaters dazu. So gibt es ein Wiedersehen mit Michael Steindls Inszenierung von John Clancys Monolog »Event« (24. März), der das Theater und seine Macht zu täuschen befragt. Zudem feiert mit Alexander Vaasens Bearbeitung von Martin McDonaghs »Der Kissenmann« ein spannender Bühnen-Thriller am 19. März seine Premiere.
Im Rahmen der Duisburger Akzente finden auch Lesungen, Ausstellungen und
Konzerte statt.
15. März bis 4. April