Interview Nicole Strecker
Bettina Masuch: Idealbesetzung für ein Haus, das mehr als drei Jahrzehnte von einem Leiter, Bertram Müller, geprägt wurde. Nun gibt es drei »Factory Artists«, deren Choreografien kontinuierlich auftauchen. Mit dem Engagement von Jérôme Bel wurden Düsseldorfer Bürger auf die Bühne geholt. Künftig ist das Tanzhaus NRW nebst sechs anderen Produktionshäusern Teil eines vom Bund mit 12 Millionen Euro unterstützten internationalen Netzwerks, gedacht als experimentelle, partizipative »Laboratorien«. Ein Gespräch mit Bettina Masuch über die DNA des Tanzhauses, echte und ideale Körper und die Lust auf mehr Politik im Tanz.
k.west: Frau Masuch, ist die Leitung des Tanzhauses NRW einfacher oder schwieriger, als Sie erwartet haben?
Masuch: Wie immer im Leben, je tiefer man in eine Sache eindringt, desto vielschichtiger wird es. Das Tanzhaus NRW mit seinen drei Bereichen – Bühne, Akademie und Junges Tanzhaus – ist ein sehr komplexes Gebilde. Für mich liegt eine Herausforderung darin, möglichst viele Schnittmengen zwischen ihnen herzustellen.
k.west: Die Struktur kannten Sie vorher schon. Was hat Sie überrascht?
Masuch: Wie sehr mir die Akademie und die kulturelle Bildung ans Herz wachsen würden. Ich komme aus dem Theater und kannte diesen Arbeitsbereich nicht. Was für ein auch künstlerisches Potenzial darin liegt, wurde mir erst klar, als ich mit Vorschulkindern zusammen in einer Vorstellung saß.
k.west: Aber genau an der Akademie haben Sie inhaltlich die größten Einschnitte vorgenommen, etwa durch die Streichung der Orientale und des Salsa-Festivals.
Masuch: Die Akademie ist der älteste Bereich im Tanzhaus. In den 1970-er Jahren war die emanzipatorische Haltung, die hinter der Bildungsarbeit steckt, radikal. Aber genauso muss man heute wieder fragen: Was sind aktuell vergleichbar herausfordernde Angebote an Amateure und Profis?
k.west: Orientalische Tänze sind es nicht mehr?
Masuch: Diese Szene hat zuletzt vor allem glamouröse Showformate entwickelt; gerade vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen im Nahen Osten finden wir es nicht mehr angemessen, eine Orientale mit Showtänzen zu veranstalten.
k.west: Haben Sie für das Tanzhaus ein mission statement?
Masuch (lacht): Daran arbeiten wir gerade.
k.west: Und?
Masuch: Mir ist es wichtig, künstlerische Positionen zu präsentieren, die sich kritisch-offensiv mit Fragen unserer Zeit und Gesellschaft auseinandersetzen. Das bedeutet für die nächste Spielzeit: Fragen nach Veränderungen im Zusammenleben, nach Exzess und Extremismus. Und nach dem Umgang von Alter, Krankheit und Gebrechlichkeit in der sich demografisch wandelnden Gesellschaft.
k.west: Deshalb tanzen demnächst »Real Bodies« auf Ihrer Bühne? Masuch: Selbst im zeitgenössischen Tanz begegnet man noch dem Stereotyp: Tänzer = junge, schöne, fitte Menschen. Deshalb zeigen wir in der nächsten Saison verstärkt Choreografen, die sich mit anderen Körperbildern befassen. Außerdem kooperieren wir mit »Dance On«, einer vom Bund geförderten Kompanie für Tänzer 40plus, also für Tänzer jenseits ihres üblichen Pensionsalters.
k.west: Wie gehen Sie mit dem Thema Flüchtlinge um?
Masuch: Wir haben da schon immer viel gemacht, nur nicht an die PR-Glocke gehängt. Wir bieten etwa unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen die Möglichkeit, Kurse zu besuchen. Gerade entsteht in der Nachbarschaft der Erkrather Straße ein neues Flüchtlingsheim. Mit dem werden wir kooperieren, als aktive Nachbarschaftshilfe, nicht als Marketingaktion.
k.west: Aber keine Schwerpunkte im Bühnenprogramm?
Masuch: Ich bin mir sicher, dass viele Künstler auf das Thema reagieren werden, da müssen wir nichts predigen und initiieren.
k.west: Ist »Exzess und Extremismus« auch ein politisches Leitmotiv?
Masuch: Es wird eine Produktion bei uns geben, die fragt: Mit welchen Bildsprachen arbeitet der HipHop, aus welchen Quellen speisen die sich? Inwiefern ist umgekehrt der HipHop Bildquelle für radikale politische Bewegungen? Eine befremdliche Gemengelage: Terroristische Gruppierungen machen sich die Attitüden und Symbole des HipHop zu eigen, der eigentlich eine Jugendbewegung ist.
k.west: Trotz allem Engagement, es ist praktisch unmöglich, ein so großes Haus zwei Mal pro Woche zu füllen mit dem relativ engen Fokus Zeitgenössischer Tanz. Als Intendantin müssen Sie daran leiden, dass es nicht immer ausverkauft ist.
Masuch: Das ist so und das treibt mich um. Wie soll man in einer Zeit, die viele als Überforderung erleben, die Menschen dazu bewegen, sich mit einer Kunst zu beschäftigen, die nicht Wellness und Entertainment sein will?
k.west: Was antworten Sie?
Masuch: Zwei positive Erfahrungen habe ich gemacht. Zum einen wächst die Neugier auf einen Künstler, wenn er in der Stadtgesellschaft verankert ist. Deshalb werden wir das Konzept der »Factory Artists« fortsetzen, also Choreografen auswählen, die wir verstärkt präsentieren, damit es in unserem heterogenen Programm des zeitgenössischen Tanzes auch Wiedererkennungseffekte und emotionale Bindungen gibt. Zum anderen sind Künstler wie Sidi Larbi Cherkaoui sehr daran interessiert, etwa in der Beschäftigung mit Urban Dance aufs Publikum zuzugehen, ohne sich zu verbiegen.
k.west: Mit Produktionen, die man im weitesten Sinn unter Community Dance fassen könnte, wie etwa Jérôme Bels »Gala«, suchen Sie ohnehin die Zuschauerbindung.
Masuch: Wir sind ein Haus, in dessen DNA das Zusammenspiel von Profis und Amateuren, von Hoch-, Sub- und Soziokultur eingeschrieben ist. Wo, wenn nicht hier, sollen solche Produktionen stattfinden! Außerdem hat der zeitgenössische Tanz selbst diesen Trend gesetzt. Künstler machen nicht mehr die Studiotür zu und choreografieren mit dem Rücken zur Welt, sondern suchen aktiv die Auseinandersetzung mit ›normalen Menschen‹.
k.west: Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, dem Publikum, aber auch der Sparte selbst: Als Tanzhaus sind Sie wichtig für NRW-Künstler. Sie haben bisher weitgehend auf Konstanz gesetzt, mit Choreografen wie Fabien Prioville, Silke Z., Stephanie Thiersch, Raimund Hoghe.
Masuch: Die Szene in NRW zeichnet sich durch hohe Stabilität und Konstanz aus. Aber es ist absolut ein Anliegen von mir, nach neuen Namen zu suchen, das ist wichtig für eine lebendige Szene. Nur muss ich kritisch anmerken, es gibt zwei Hochschulen in NRW, die nicht Choreografen ausbilden, sondern Tänzer. Deshalb kommt bei uns der choreografische Nachwuchs oft von Hochschulen aus Benelux oder Berlin.
k.west: Wie haben Sie sich selbst als Chefin kennengelernt?
Masuch: Hartnäckig moderierend, kooperativ und herausfordernd.
k.west: Wie optimieren Sie die eigene Rolle?
Masuch: Wir arbeiten mit einem externen Coach, ehemals Geschäftsführer großer Festivals, an Fragen zur Transformation von Kultureinrichtungen. Ich habe ein Haus übernommen, das mehr als 35 Jahre lang unter derselben Leitung stand. Da geht es für mich darum: Wie sollte die Rückseite einer Kulturinstitution, die mit vielen verschiedenen Förderern arbeitet, aufgebaut sein?
k.west: Vor allem durch flache Hierarchien?
Masuch: Mit meinen Erfahrungen sowohl im Stadttheater wie auch bei Festivals u.a. in den Niederlanden, können wir die verschiedenen Systeme nebeneinander legen und überprüfen. Es gibt keine vergleichbare Institution, von der wir uns Arbeitsweise und Organisation abgucken könnten.
k.west: Wie lautet Ihr Vorsatz für 2016?
Masuch: Weitermachen! Mehr kommunizieren! Wenn ich sehe, was um uns her in der Welt passiert; das sind Umwälzungen, für die wir im Moment keine Antwort haben. Die Lösung könnte sein, miteinander zu reden. Ich weiß nicht, wie wir sonst weiterkommen sollen.