Wir wollen nicht vom Kino ablenken, sondern zum Kino hinlenken, zu dem, was es war und – wieder – ist. Deshalb stellen wir, bereits zum 41. Mal, einen Klassiker des deutschen und internationalen Films vor, der nicht immer zum Kanon gehört, aber eine Rarität und Kostbarkeit ist. Bei einem der Anbieter lassen sie sich ausleihen, als DVD kaufen, zur Not bei YouTube besichtigen. Nur Netflix-Serien zu schauen, verengt den Blick.
Als sie rief, kamen sie alle: Deneuve, Moreau und Schygulla, Belmondo, Delon, Depardieu, Mastroianni, sogar Robert De Niro. Agnès Varda, Grand-Madame des französischen und Welt-Kinos und mit allen Trophäen der Branche ausgezeichnet, drehte mit diesen Stars zum 100. Geburtstag des Films im Jahr 1995 »Monsieur Cinéma«, in dem Michel Piccoli Herrscher über die Kinobilder ist. »Ein Desaster«, lachte sie im Nachhinein. Da saß sie in einem historischen Filmtheatersaal, 90-jährig, auf einem Regiestuhl und erzählte entlang ihrer Filme von ihrer Leidenschaft für die siebte Kunst und fürs Leben. Das wiederum war auf der Berlinale 2019 – kurz nach der Premiere von »Varda par Agnès« starb sie.
Dreierlei habe sie geprägt, sagt Varda: »Inspiration, Kreation, Teilen«. Ihre »cinécriture« mischt, auch in Dokumentarfilmen, Realität und Fantasie, kombiniert objektive und subjektive Zeit, das Persönliche und Alltägliche, das bei ihr nie banal aussieht: wie in dem kleinen Totentanz »Cléo de 5 à 7«. Sie nahm den feministischen Standpunkt ein, ließ Texte von Marx & Engels als Lied singen, bebilderte die »Hair«-Generation und die Pop-Ikone Warhol (»Love Lions«), porträtierte Jane Birkin und drehte wie nebenbei mit ihr einen Spielfilm nach Birkins eigenem Skript. Etwa 30 Filme gehören zu Vardas Werk, die auf ganz normale Weise experimentell sind, ohne theoretisches Dogma, spielerisch, grundgescheit, von avantgardistischer Klassizität. Ihr, die weder eine Filmhochschule besucht noch jemandem assistiert hatte, gehe es nicht darum, »die Zeit anzuhalten, sondern die Zeit zu begleiten«.
Wie auf Rosen gebettet
Sie sind auf Rosen gebettet, scheint es: François, seine Frau Thérèse und die gemeinsamen Kinder. Die Familie lebt in einer Kleinstadt namens Fontenay-aux-Roses. Er ist Schreiner, sie näht nebenbei, um etwas dazuzuverdienen. Sonntags fahren sie in die Natur, die Kinder spielen, das Ehepaar liebt sich. Als François (Jean-Claude Drouot) die Postangestellte Emilie (Marie-France Boyer) kennenlernt und sich in sie verliebt, gesteht er die Affäre seiner Frau, ohne den Wunsch zu verspüren, an der Situation etwas zu ändern. Wenig später an diesem heiteren Tag ist Thérèse (Claire Drouot) nicht mehr da; sie wird aus dem Wasser des nahe gelegenen Teichs gezogen – tot. Und alles geht weiter. Emilie wird von den Kindern als neue Mutter angenommen. Es ist, als sei Thérèse nie gewesen. Kein Lärm, kein Aufruhr, keine Empörung lässt der Film erkennen. Konsumabel ist sogar der Tod. Dies ist die große Irritation, Beunruhigung und Qualität von »Le Bonheur«, dass Varda es uns nicht leicht macht, ein moralisches Urteil über den gesellschaftlichen Ist-Zustand zu fällen, dessen sie sich selbst enthält.
Die Ernüchterung ist das Schockierende. Alles ist sauber, ordentlich, heiter, vernünftig, in helles Licht getaucht und hübsch bunt. Als Kommentar lassen sich nur wie zufällig eingefangene Werbeslogans und Reklametafeln, eine Filmszene aus Renoirs »Frühstück im Grünen« und ein Kunstwerk, Chagalls schwebendes Liebespaar, lesen. 1965 war das unerhört und spaltete selbst die Filmkritik: Wie meinte Varda das, rebellisch, ironisch oder naiv kleinbürgerlich? Mit ihrer schlichten Geschichte lief sie den harten Linien der Kontroversen ihrer Zeit zuwider bzw. unterlief sie. Das Glück. Die Liebe. Aber was ist das?