Der Komponist Stefan Heucke hat das berühmte Abendmahl-Gemälde des Universalgenies als Auftragswerk für die Bochumer Symphoniker vertont – und sorgt im Musikforum für einen großartigen Konzertabend.
Leonardo da Vincis Fresko »Das Abendmahl« ist eine der berühmtesten Malereien der Welt – und die Welt sollte aufhorchen, denn nach Recherchen des Programmbuchautors der Bochumer Symphoniker Tilman Fischer hat es jetzt seine erste Vertonung erfahren: Komponist Stefan Heucke hat ein Variationen-Werk erschaffen, um es akustisch zu interpretieren. Gut 900 Menschen wollten im ausverkauften Bochumer Musikforum hören, wie das klingt – und spendeten danach lange und begeistert Beifall.
Nicht so bekannt wie Da Vincis Gemälde an sich ist die Tatsache, dass es eine konkrete Situation beschreibt: Jesus, der das letzte Abendmahl im Kreise seiner Jünger einnimmt, hat gerade die Worte zu ihnen gesprochen: »Einer von euch wird mich verraten«. Auf dem Bild ist erkennbar, dass daraufhin ein Tumult entsteht oder zumindest jeder auf eine andere Weise regiert: Einige blicken bloß stumm, andere machen eine trauernde Geste, verschränken die Hände, runzeln die Stirn, greifen übereinander oder sprechen mit ihrem Nachbarn.
Ein Konzert ohne Dirigent
Komponist Stefan Heucke hat sich eine interessante Symmetrie ausgedacht, um diese Situation zu vertonen: Neben dem Cellisten Wolfgang Sellner, der quasi als Jesus im Zentrum sitzt, stehen zwölf Geigerinnen und Geiger. Der Erste Geiger Raphael Christ hat für das gesamte Konzert, das ohne Dirigent auskommt, die musikalische Leitung inne und füllt sie gewohnt leidenschaftlich aus. Im Zentrum von Heuckes Komposition, die aus einem zarten, zitternden Streicherton erwächst und endet, steht ein spätmittelalterliches Kirchenlied von Martin Luther, »Jesus Christus, unser Heiland, der von uns den Gotteszorn wandt«. Jede Geige spielt unterschiedliche Variationen dieses Lieds. Das Cello unterstützt, grundiert oder variiert das Thema selbst. Einen besonders virtuosen Part hat Raphael Christ, der in einem sich windenden Motiv wohl die Rolle des Judas »spielt«.
Heucke hat mit diesem Werk Erstaunliches geschaffen: Innerhalb einer starken Symmetrie und Klangarchitektur sorgt er für überraschende spielerische Freiheit, verwebt die Geigenklänge, die in Duetten, Trios oder Quartetten – mit und ohne das starke Cello-Zentrum – spielen, zu einer wandlungsreichen und vielgestaltigen Gestalt, die es definitiv lohnt, bald wieder gehört zu werden.
Um die Uraufführung zu rahmen, die naturgemäß nur einen kleinen, neugierigen Teil des Publikums zieht, spielen die Bochumer Symphoniker unter der Leitung ihres Ersten Konzertmeisters zwei Mozart-Schlager: Die Ouvertüre zur »Zauberflöte« erstrahlt ebenso in voller Schönheit und Leichtfüßigkeit wie die berühmte Jupiter-Symphonie. Besonders deren letzter Satz mit seinen eigentlich komplexen Fugen-Konstruktionen, die aber leicht und eingängig klingen, entfacht regelrechte Jubelstürme. Was für ein toller Konzertabend!