INTERVIEW: CHRISTIANE HOFFMANS, ANDREJ KLAHN, ANDREAS WILINK
»Maulkorb für Kulturchefs« titelte die Rheinische Post im September 2012. Nachdem Tonhallen-Intendant Michael Becker vor dem Kulturausschuss der Stadt darauf hingewiesen hatte, dass Stellen in seinem Haus nicht schnell genug besetzt würden. Kulturdezernent Hans-Georg Lohe nahm das zum Anlass, den Leitern der Kultureinrichtungen einzuschärfen, sie mögen Interna bitte nicht in die Öffentlichkeit tragen.
Im Oktober trat der kaufmännische Direktor des Museums Kunstpalast, Carl Grouwet, vorzeitig zurück, eine Unternehmensberatung hatte dem Haus einen zu sorglosen Umgang mit Geld attestiert. Im November folgte Schauspielhaus-Intendant Staffan Holm, der wegen eines Burnouts demissionierte. Und mit Petra Wenzel und Werner Lippert wird dem NRW Forum ab 2014 eben jenes Leitungsteam nicht mehr zu Verfügung stehen, das das Haus mit seiner einfallsreichen Ausstellungs-Mischung aus Mode, Design, Fotografie, Architektur und Lifestyle zu internationalem Renommee verholfen hat.
Gesucht werden nun Kopf, Konzept und Geld, denn das Land wird sich Ende 2013 aus der Förderung des Ausstellungshauses zurückziehen. Und dann ist da noch die Frage, ob die Rheinopern-Ehe fortgesetzt werden wird, worüber der Duisburger Stadtrat im März zu befinden hat. K.WEST-Interview mit Düsseldorfs Kulturdezernenten Hans-Georg Lohe.
K.WEST: Oberbürgermeister Dirk Elbers hat im vergangenen September in der Rheinischen Post erläutert, wie er sich die Zukunft der Düsseldorfer Kulturlandschaft vorstellt. In Zeiten sinkender Steuereinnahmen sei ein Festhalten am Status quo künftig nicht mehr umsetzbar, heißt es dort. Gefragt seien »kreative Lösungen« und »Mut, neue Wege zu gehen«. In welche Richtung führen diese Wege?
LOHE: Der Kulturhaushalt ist in diesem Jahr genauso hoch wie im letzten, in anderen Städten und im Land wurde gekürzt. Doch wir versuchen, Abläufe zu optimieren, um das hohe künstlerische Niveau in Düsseldorf nachhaltig zu sichern.
K.WEST: Wird der Kultur-Etat in den nächsten Jahren schrumpfen?
LOHE: Die Etatberatungen für 2014 beginnen demnächst, im Moment gibt es dazu keine belastbaren Aussagen. Es wird schwieriger werden. Aber es liegt der gesamten Stadtspitze daran, ein Kulturangebot auf hohem Niveau zu erhalten.
K.WEST: Dirk Elbers möchte die Kulturbetriebe dafür gewinnen, sich stärker für private Sponsoren zu öffnen. Konkret hat er etwa vorgeschlagen, dass man die Kuppel der Tonhalle in den Farben potenzieller Sponsoren ausleuchten könne. Ist das wünschenswert?
LOHE: Ja, ich halte es für gut denkbar, weiterhin private Gelder für die Kultur zu mobilisieren. Wir arbeiten in der Stiftung Kunstpalast seit mehr als zehn Jahren mit E.ON zusammen und möchten die Partnerschaft gerne verlängern. In der Oper haben wir mit der WGZ Bank einen Sponsor gewonnen, der sein Engagement verdoppelt hat, sich aber nicht in die künstlerischen Entscheidungen einmischt.
K.WEST: Die Ausführungen des Oberbürgermeisters lassen auch eine gewisse Unzufriedenheit anklingen, dass sich die Kultureinrichtungen zu wenig um Sponsoren und Mäzene bemühen. Entspricht das den Tatsachen?
LOHE: Ich glaube nicht, dass der OB das allgemein kritisiert hat, ich habe es als Anregung verstanden, bei allen Einrichtungen um private Sponsoren zu werben. Aber es ist schwieriger geworden, an das Geld Dritter heranzukommen. Wir arbeiten daran.
K.WEST: Neben schrumpfenden Etats geht es Dirk Elbers um Rangfragen, um Leuchtturmkultur, überregionale Strahlkraft und kulturelle Standortpolitik. Wenig ist die Rede davon, was das inhaltlich bedeutet.
LOHE: Die Landeshauptstadt hat ein Kulturangebot auf einem sehr hohen Niveau. Dies ist heute auch ein wichtiger Standortfaktor. Doch auch bei einem breiten Kulturangebot ist es sinnvoll, Schwerpunkte zu setzen und starke Institutionen zu stärken, damit man Leuchtkraft entfachen kann. Das sehe ich bei der Deutschen Oper am Rhein, bei dem Ballett, der Tonhalle und auch bei dem Museum Kunstpalast. Gleichwohl dürfen wir nicht vergessen, dass es eine Vielzahl von Spezialeinrichtungen gibt, die wir auch stützen müssen.
K.WEST: Es ist lange her, dass das Schauspiehaus in der Theater-Republik eine Rolle spielte. Die letzten drei eher problematischen Intendanzen wurden vorrangig vom Land favorisiert. Welchen Einfluss hat die Stadt Düsseldorf und welches Profil wünschen Sie sich?
LOHE: Die Kommission ist paritätisch und mit externen Experten besetzt. Ich teile Ihre Einschätzung nicht, dass die letzten drei Intendanten auf der Wunschliste der Staatskanzlei standen. Der Intendant oder die Intendantin eines solchen Hauses hat auch eine gesellschaftliche Aufgabe – er oder sie soll dem Haus Gesicht und Stimme geben, es nach außen vertreten. Ob es in erster Linie ein regieführender Intendant sein sollte, wird die Diskussion in der Findungskommission zeigen.
K.WEST: Staffan Holm hat versucht, das Haus in der Stadt zu verankern. Wenn man sagt, er sei hier nicht angekommen, muss man auch fragen: Wurde er angenommen? Haben Sie es an Vertrauen fehlen lassen?
LOHE: Das sehe ich nicht so. Der Aufsichtsrat hatte deutlich gemacht, dass er Holms Konzept mitträgt. Er wurde nicht gedrängt, die Intendanz niederzulegen. Es war sein freier Entschluss. Aus meiner Sicht bestand keine Notwendigkeit, einzugreifen. Natürlich musste man ihm die Chance geben, sich zu positionieren. Auch mit längerem Atem.
K.WEST: Offen ist auch, wie es mit dem Museum Kunstpalast weitergeht. Das Engagement von E.ON ist bis Ende 2013 gesichert. Was passiert, wenn sich der Konzern entschließen sollte, die Betriebsmittel in Höhe von 1,1 Millionen Euro künftig nicht mehr zu übernehmen und aus der Förderung aussteigt?
LOHE: Ein Ende der Kooperation steht nicht zur Diskussion. Richtig ist, dass die Förderung innerhalb der Public Private Partnership derzeit bis Ende 2014 befristet ist. Wir verhandeln, wie es zur Verlängerung des Vertrages kommen kann, auch wenn das Unternehmen sich in einer schwierigen Phase befindet.
K.WEST: Man könnte den Eindruck haben, dass mit der von E.ON bezahlten Unternehmensberatung, die das Museum Kunstpalast durchleuchtet und nach Sparmöglichkeiten gesucht hat, einer Form von Erpressung nachgegeben wurde: Wer nicht ordentlich spart, wird nicht gefördert.
LOHE: Nein, es war eine gemeinsame Entscheidung, das Haus auf die Optimierung der Abläufe untersuchen zu lassen. Damit sollte eine Brücke für die Fortführung der Partnerschaft gebaut werden, von der beide Partner profitieren. Wir als Stadt geben dem Museum Kunstpalast immer noch den größten Zuschuss.
K.WEST: Trotz aller Sparnotwendigkeiten: Ist es nicht geradezu geschäftsschädigend, wenn der Oberbürgermeister vom Museum Kunstpalast fordert, weniger große und teure Ausstellungen zu machen? Ausstellungen, die, wenn man es richtig anstellt, auch Gewinne einfahren.
LOHE: Das hat der Oberbürgermeister so keinesfalls gesagt. Die El Greco-Ausstellung war nur mit einem großzügigen Zuschuss der Stadt möglich. Die berechtigte Frage ist, ob man wenige Wochen nach einer großen Ausstellung sofort die nächste große Ausstellung machen sollte oder sie lieber im nächsten Jahr macht. Aber es gibt auch oft Sachzwänge. Richtig ist auch, dass 2012 mit El Greco und aktuell mit Gursky das erfolgreichste Jahr seit Bestehen des Museums war – mit etwa 410.000 Besuchern.
K.WEST: Wie gestaltet sich Ihr Austausch mit dem Oberbürgermeister: Ist Kultur Chefsache in Düsseldorf?
LOHE: Er lässt mir genügend Freiheit, um als Kulturdezernent tätig zu sein. Wir stehen in engem Dialog.
K.WEST: Diplomatisch formuliert. Was geschieht, wenn die Stadt Duisburg am 18. März die Opern-Ehe zwischen Duisburg und Düsseldorf nicht verlängern wird?
LOHE: Ich gehe davon aus, dass die Kooperation verlängert wird. Alles andere wäre ein großer Verlust für Duisburg, aber auch für Düsseldorf.
K.WEST: Haben Sie ein Konzept für den Fall, dass diese Annahme falsch ist?
LOHE: Ich setze auf die richtige Entscheidung in Duisburg. Der Oberbürgermeister und ich sind der Auffassung, dass wir in Düsseldorf immer eine Oper haben werden.
K.WEST: Das NRW Forum wird es 2014 nicht mehr geben, nachdem das Land seine Zuschüsse gestrichen und das Leitungsteam Werner Lippert und Petra Wenzel erklärt haben, nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Was haben Sie unternommen, um den Fortbestand dieser einmaligen und sehr erfolgreichen Einrichtung über 2013 hinaus möglich zu machen?
LOHE: Es war Werner Lipperts und Petra Wenzels freiwilliger Entschluss, nach 15 Jahren aufzuhören. Wir können die beiden doch nicht gegen ihren Willen zwingen, das Haus zu führen.
K.WEST: Hat man sie denn gefragt? Nein!
LOHE: Doch, ich habe sie gefragt. Werner Lippert hat sich dann bereit erklärt, ein Jahr weiterzumachen – bis 2014. Darüber hinaus definitiv nicht. Das ist Fakt. Und das war deutlich vor dem Beschluss des Landes, seine Zahlungen einzustellen, also etwa Ende 2011. Wobei die Kommunikation mit dem Land über den Ausstieg schon sehr eigenartig gelaufen ist. Darüber haben wir quasi aus den Medien erfahren. Im Übrigen hätte ich seitens der Stadt ohne weiteres den Vertrag der Beiden verlängert.
K.WEST: Mitarbeiter aus anderen Düsseldorfer Museen laufen schon jetzt durch das NRW-Forum und messen die Räume für Ausstellungen aus, die sie im kommenden Jahr dort zeigen wollen. Das heißt: Das Aus für das NRW-Forum ist besiegelt.
LOHE: Werner Lippert und Petra Wenzel haben klipp und klar gesagt, der Vertrag läuft aus, und wir verlängern nicht. Also haben wir angefangen, uns Gedanken darüber zu machen, was wir 2014 in den Räumen des NRW-Forums zeigen werden. Und da in diesem Jahre die Quadriennale stattfindet, wird das Filmmuseum die Schau »Visionen und Alpträume – die Stadt der Zukunft im Film« zeigen.
WAS WIRD AUS DEM NRW-FORUM?
K.WEST: Das NRW-Forum steht für eine bestimmte Ausstellungskultur. Mit Ausstellungen über Mode, Design, Fotografie, Architektur und Lifestyle haben die Kuratoren eine Marke entwickelt und stringent durchgehalten, die über Deutschland hinaus ein Alleinstellungsmerkmal hat. Wenn Sie aus dem NRW-Forum einen Gemischtwarenladen machen, dann ist die Reputation des Hauses schnell dahin.
LOHE: Es ist wichtig, dass das Haus eine unverwechselbare Identität hat. Dass andere Düsseldorfer Museen dort Ausstellungen zeigen, ist nur eine Übergangslösung. Das Haus wird auch nicht von irgendeinem Mitarbeiter des Museums Kunstpalast geführt werden, sondern wir suchen einen künstlerischen Leiter mit Visionen, der es ähnlich bespielt wie das bis jetzt der Fall war. Es sollte allerdings verwaltungstechnisch an das Museum Kunstpalast angedockt sein. Im Übrigen wird es auch nicht mehr den Namen NRW-Forum tragen, was logisch ist, wenn das Land sich aus der Förderung zurückzieht.
K.WEST: Es gab im vergangenen Herbst erhebliche Dissonanzen zwischen dem Intendanten der Tonhalle, Michael Becker, und der Stadtverwaltung. Auch Staffan Holm wurde im Herbst von der Stadtverwaltung zurechtgewiesen. Das lässt vermuten, dass es um das Vertrauensverhältnis zwischen den Kulturmachern und der Stadt nicht zum Besten steht.
LOHE: Das stimmt nicht. Ich habe zu Michael Becker ein sehr gutes Verhältnis. Richtig ist, dass man interne Dinge auch intern besprechen sollte. Die Stellen, die er damals angesprochen hat, sind mittlerweile alle besetzt. Michael Becker leistet sehr gute Arbeit, und er hat mein vollstes Vertrauen.
K.WEST: Sieht das der Oberbürgermeister auch so?
LOHE: Ja.
K.WEST: Im vergangenen Jahr gab es auch eine Diskussion über die Frage, warum in Düsseldorf im Vergleich zu den anderen Konzerthäusern der Region eher wenig internationale Spitzenorchester zu hören sind. Dirk Elbers wurde mit der Aussage zitiert: Es sei Aufgabe des Intendanten, Spitzenorchester nach Düsseldorf zu holen.
LOHE: Der Intendant ist für das gesamte Haus verantwortlich. Zwar gibt es mit René Heinersdorff seit Jahren einen Veranstalter, der Konzerte organisiert. Es muss aber ein gemeinsames Bestreben sein, dass Spitzenorchester in Düsseldorf gastieren. Da sind alle in der Pflicht. Es soll ein Zusammenspiel zwischen der Intendanz, dem Freundeskreis und Heinersdorff sein.
K.WEST: Unserem Wissen nach darf die Tonhalle keine kommerziellen Konzerte organisieren. Das Zusammenspiel von privaten Geschäftsinteressen und Kulturpolitik beschäftigt auch die Galeristen-Szene. Die spricht viel über den Einfluss von Bürgermeister Friedrich Conzen, der Vorsitzender des Kulturausschusses ist. Einer seiner Mieter sitzt im Kunst-Beirat der Stadt, und Herr Conzen vermietet Räumlichkeiten an die Galerie Beck/Eggeling, die den Künstler Manolo Valdés vertritt. Eine Valdés-Skulptur stand zeitweise vor der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Armin Zweite, damals Leiter der Kunstsammlung, hatte sich vehement gegen die Aufstellung ausgesprochen. Sollte die Stadt nicht achtsamer sein, wenn es um solche Interessensverquickungen geht?
LOHE: Es ist die Entscheidung von Herrn Conzen, wen er als Mieter in sein Haus nimmt. Ich sehe keine Interessensverquickung. Die Galerie Beck/Eggeling hat von sich aus die Initiative ergriffen. Herr Conzen hatte da keinen Einfluss.
K.WEST: Zur Zeit der Entscheidung unterhielt Herr Conzen junior mit Beck/ Eggeling eine gemeinsame Galerie.
LOHE: Ich sehe da kein Problem.