Das Theater Krefeld Mönchengladbach feiert sein 75-jähriges Bestehen mit einem großen Festwochenprogramm.
Vor 75 Jahren, am 19. April 1950, unterzeichneten die Räte der Städte Krefeld und Mönchengladbach einen Theatervertrag: Aus zwei zuvor noch eigenständigen Häusern wurden die »Vereinigten Städtischen Bühnen«. Zu einer Zeit, in der die meisten (west-)deutschen Kommunen noch mehr oder weniger in Trümmern lagen und ein großer Teil der Stadttheater keine eigenen Spielstätten hatten, war diese Fusion eine Notwendigkeit. Aber auch naheliegend. Denn schon bis in die 1920er Jahre hinein war das Theater Krefeld immer wieder in Mönchengladbach zu Gast gewesen. »Unterm Strich war das damals natürlich keine Liebeshochzeit, sondern eine Vernunftehe«, sagt der Generalintendant des Theaters Krefeld und Mönchengladbach, der Schauspieler und Regisseur Michael Grosse, über die Fusion, die aber vielleicht gerade deshalb schon so lange halte: Was 1950 aus finanziellen und strukturellen Nöten heraus entschieden wurde, hat sich im Lauf der Jahrzehnte zu einem Erfolgsmodell entwickelt – das gerade in den Jahren nach der Wiedervereinigung zum Vorbild für weitere Fusionen von Theatern, vor allem in Ostdeutschland, wurde.
Dabei spielen finanzielle Aspekte natürlich immer noch eine große Rolle. »Man bekommt eben auch heute für beide Standorte ein Fünf-Sparten-Angebot zum halben Preis, das andere Städte, Kommunen oder Landkreise allein tragen müssen.« Michael Grosse, der seit der Spielzeit 2010/11 die Generalintendanz innehat, blickt entsprechend pragmatisch auf die Vereinigung der Bühnen, die 2011 noch einmal neu ausgerichtet wurde. Seither ist das Theater Krefeld Mönchengladbach eine gemeinnützige GmbH.
Inszenierungen per Live-Video im Dialog
Diese Gesellschaftsform gibt dem Theater nicht nur eine finanzielle Sicherheit. »Seither arbeiten wir bei der Finanzierung des Hauses immer mit Fünf-Jahres-Finanzplänen.« Die künstlerischen Möglichkeiten, die dadurch entstehen, schlagen sich auch in dem Festwochenprogramm vom 5. April bis 18. Mai nieder. In dieser Zeit stehen neben der Fotoausstellung »Im Wandel der Zeit«, Vorstellungen von Repertoire-Produktionen auch zwei große Premieren auf dem Programm. Am 19. April hat Mieczysław Weinbergs Oper »Die Passagierin« auf der großen Bühne in Krefeld Premiere. Hier wird am 10. Mai auch Christoph Roos‘ Inszenierung von Tankred Dorsts »Merlin oder Das wüste Land« gezeigt, während im Studio des Mönchengladbacher Theaters zeitgleich »Merlin feat. Ginevra« zu sehen ist. Der junge Regisseur Luis Liun Koch konzentriert sich in seiner Annäherung an Dorsts Stück auf Ginevra, die Frau an König Artus‘ Seite. So soll eine Art von szenischer Biografie entstehen, die den Blick auf Dorsts Weltentwurf um eine entscheidende Facette erweitert. Die beiden Inszenierungen kommentieren einander aber nicht nur. Sie stehen durch Live-Video-Übertragungen von einem Haus ins andere auch in einem direkten Dialog.
Inszenierungen wie die von Weinbergs 1968 entstandener, aber erst 2010 in Bregenz uraufgeführter Oper, die auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Zofia Posmysz beruht, und so aufwendige Experimente wie das doppelte »Merlin«-Projekt sind für die Stadttheater in NRW längst nicht (mehr) selbstverständlich – in Krefeld und Mönchengladbach werden sie möglich gemacht. »Es ist ein künstlerischer Gewinn, eine Inszenierung eben nicht nur zehnmal, sondern zwanzigmal zu spielen. In Zeiten, in denen auf Nachhaltigkeit und die Optimierung von Mitteln gesetzt wird, ist das ohnehin ein gutes Signal«, sagt Michael Grosse. Zudem sorge die größere Aufführungserfahrung für Qualität. Der Wechsel der Produktionen von einer Stadt in die andere beschere den beiden Häusern ein beachtliches Repertoire. Zu den Premieren eines Jahres kämen die Übernahmen aus dem Partner-Theater hinzu. Grosse beschreibt das so: »Man macht 17 Neuproduktionen pro Spielzeit, und wenn man dann die dazugehörigen Übertragungen dazu rechnet, sind es eigentlich 34, die in einer Saison angeboten werden.«
So wird ein Spielplan möglich, in dem eine Oper wie »Die Passagierin« von der Verdrängung der NS-Verbrechen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erzählt und eine ehemalige Aufseherin im KZ Auschwitz mit ihrem damaligen Handeln konfrontiert wird. »Natürlich hat das Haus auch immer Unterhaltungsstücke, Musicals, Komödien gespielt. Aber zugleich war es hier immer gute Sitte, zeitgenössische Arbeiten und Werke der Moderne auf die Bühne zu holen«, sagt Michael Grosse. Angesichts dieser Tradition seien Produktionen wie »Die Passagierin« so wichtig. Die Rückbesinnung auf Geschichtliches sage eben viel auch über den eigenen Standort aus – und den eigenen Standpunkt.
Das Festwochenprogramm findet vom 5. April bis 18. Mai
in den Spielstätten des Theaters Krefeld Mönchengladbach statt.