Das Paradies ist ein Schrottplatz. Keine Schwarzwald-Idylle mit rauschenden Bächen und dunklem Tann’, stattdessen gestapelte Kühlschränke, Elektroteile und die Trümmer einer russischen Sojus-Rakete, die dort abgestürzt sei, wie der Vater glaubhaft versichert. Im Paradies bekommen Lipa, ihr kleiner Bruder Berti und der Vater ihr »Klimpergeld« im Tausch gegen Wolfram, Tantal, »Kationen-Austauscher-Harz« und »Molybdän-Oxid-Konzentrat«, das sie in den verlassenen Dörfern und leeren Fabriken des Schwarzwaldes zusammensuchen. Das Geschäft verlangt Opfer. Man kann dabei, wie Berti, der als Kleinster in die Maschinen kriechen muss, seinen Arm verlieren. »Schmerzen müssen wir ertragen können.« sagt der Vater. »Das ist das Gesetz des Unternehmertums«.
Lipa steht kurz vor ihrem 13. Geburtstag, schwänzt die Schule für das Familien-Unternehmen, führt dessen Bücher, ist Assistentin des Vaters und dauernd Mitarbeiterin des Monats. »Das echte Unternehmertum fängt im Herzen an und hat mit Mut zu tun« – sie hat sich akribisch eingerichtet in den Routinen des Arbeitsalltags, in der ständigen Suche nach Wertstoffen. Dabei hat sie sich eine sehr eigene, leicht verquere Weltsicht geschaffen. Doch dann verguckt Lipa sich in den »langen Nasen-Timo«, obwohl der seine Nachmittage nur vor dem Edeka in Schönau verbringt, anstatt zu arbeiten. Für ihn ist sie bereit, erwachsen zu werden und aus ihrem bisherigen Leben auszubrechen. Neue Gedanken, jenseits von Schaltkreisen und Motoren, treiben sie um: »Und wie soll aus alledem noch Mittagspause, Besuch im Paradies und Spätnachmittag werden, der sich über dem Belchen endlich rosa und türkis verfärbt? Damit man von unserem Hof endlich den Teich riechen kann, neben dem bestimmt der lange Nasen-Timo im Gras sitzen und auf mich warten wird.«
Doch die Welt gerät in Erschütterung und alles verändert sich. Der Vater wird krank, das Unternehmen steht auf der Kippe, der große gemeinsame Familientraum, irgendwann mit ausreichend »Klimpergeld« nach Neuseeland auszuwandern, zerschlägt sich.
Matthias Nawrat schildert seine Geschichte von einem sehr speziellen Kleinunternehmertum und dem Erwachsenwerden im globalen Kapitalismus aus der Perspektive von Lipa in einer unbekümmerten, poetisch-angeschrägten Kunstsprache. Die Intensivstation eines Krankenhauses wird aus Lipas Perspektive zu einer »düsteren Teppich- und Tapetenstadt«, der Vater gibt der Mutter »Köstlichkeitsbescheide« statt Komplimente. Die Schule in Schönau ist ein »verkaudertes Mene-
tekel« für Lipa, die Schüler sind für sie bemitleidenswerte Arbeitslose, die den Tag mit fragwürdiger Freizeit-Gestaltung wie Kunstunterricht oder dem Lernen von Primzahlen verbringen müssen.
Auf der »lit.Cologne« hat Matthias Nawrat im Jahr 2012 den »Silberschweinpreis« als bester Debütant für seinen Roman »Wir zwei allein« bekommen. Im selben Jahr las er auch den Anfang von »Unternehmer« beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt und wurde mit dem Kelag-Preis ausgezeichnet. Kritiker und Jurymitglied Paul Jandl sprach von einem »post-apokalyptischen und re-utopischen Text«, und in der Tat ist man sich nicht ganz sicher, ob seine entvölkerten Schwarzwalddörfer das Ergebnis einer Katastrophe oder aus anderen Gründen ruinenhaft verfallen sind. Nawrat spielt, ähnlich wie in »Wir zwei allein«, raffiniert mit der Wahrnehmung der Realität und lässt den Leser im Unklaren, ob diese leeren Dörfer und Städte nur in Lipas Fantasie existieren oder tatsächlich von einer zukünftigen Katastrophe zeugen. Andererseits – was wäre das für eine Apokalypse, nach der der Edeka-Markt in Schönau immer noch geöffnet hat?
Matthias Nawrat: »Unternehmer«; Rowohlt Verlag, Reinbek 2014, 144 Seiten, 16,95 Euro
Lesung am 17. Juni 2014 im Literaturhaus Köln